06/02/2020

Kurzfristanalyse aus dem aktuellen Gebert-Brief von Montag, 3.2.20

Die Kurzfristanalyse

Wir hatten am 14. und am 21. Januar ein Viertel der Aktien unseres Musterdepots bei einem DAX-Stand von ungefähr 13.500 Punkten verkauft, weil ich einen unmittelbar bevorstehenden Rückschlag befürchtete. Der übergroße Optimismus, der sich durch große Kurslücken nach oben am 9. und am 17. Januar im Chartverlauf des DAX zeigte, sprach für eine baldige Wende nach unten (siehe Kurzfristanalyse vom 20. Januar). Nun, 500 Punkte tiefer, wollen wir wieder etwas kaufen. Sehen wir uns dazu den Chart einmal an. Das große Fenster nach unten am letzten Donnerstag, mit (a) gekennzeichnet, und die 200 Punkte große rote Kerze (b) am Freitag signalisieren übergroßen Pessimismus. Solch ein extremes emotionales Ereignis läuft in der Regel – nicht immer, aber meist – einer Wende voraus. 14 Börsentage seit dem letzten Tiefpunkt sind ebenfalls verstrichen, sodass einem baldigen Richtungswechsel eigentlich nichts entgegensteht. So sollten die Kurse im Verlauf dieser Woche nach oben drehen und spätestens in der nächsten Woche sollte sich eine spürbare Aufwärtsbewegung durchsetzen können.

DAX  Chart von Teletrader
DAX Chart von Teletrader

Coronavirus

Nun werden Sie einwenden: „Aber was ist mit dem Coronavirus?“ Ich bin kein Mediziner, aber ich stelle kurz zusammen, was bekannt ist. Dazu füge ich eine Grafik aus der New York Times vom Wochenende ein. Auf der y-Achse ist logarithmisch die Gefährlichkeit des Virus in Prozent Todesfälle pro Erkrankten angegeben und auf der x-Achse die Zahl der Ansteckungen, die jeder Infizierte im Mittel auslöst. Als Punkte sind bisherige Epidemien aufgeführt und in Rosa die abgeschätzten Werte für den Virus aus Wuhan. Für etwas unter drei Prozent der Infizierten verläuft die Krankheit tödlich und jeder Infizierte steckt im Mittel 1,5 bis 3 Patienten an. Damit ist der Coronavirus weniger tödlich, aber etwas übertragbarer als etwa SARS aus dem Jahre 2003. Nun ist es nicht meine Aufgabe, die Krankheit zu bewerten, sondern die Reaktion der Börse und der Anleger auf diese Gefahr. Eine Delle in der Wirtschaftsentwicklung wird es allein wegen der ausgefallenen Arbeitstage in China geben. Das ist klar. Wirtschaftlich wird die Epidemie keine bleibenden Schäden hinterlassen. In sechs oder neun Monaten wird die Wirtschaft wachsen, als wäre nichts gewesen. Ich muss also nun überlegen, ob die Börse die kurzfristigen Wirkungen dieser Epidemie richtig einschätzt.

QUelle: New York Times
QUelle: New York Times

Panik detektieren

Dabei gehe ich so vor wie bei allen anderen Kursbewegungen und diagnostiziere übergroße Panik, wie sie in der Vergangenheit in der Regel Richtungswechseln des Aktienmarkts vorausgelaufen ist. Ich schließe also aus der Panik des Donnerstags und des Freitags – kenntlich an dem großen Fenster nach unten und der großen Kerze –, dass sich die Kurse in dieser Woche vermutlich etwas erholen werden. An der normalen Grippe sterben übrigens jedes Jahr weltweit 400.000 Menschen, so die Financial Times.

Emotional schwierig

Es fällt natürlich schwer, in solch eine Krise hinein etwas zu kaufen. Was ist, wenn die Epidemie sich verschlimmert? Aber das ist gerade der Punkt, der für einen Kauf spricht. Ich habe es in meinem Buch ausführlich beschrieben, dass an der Börse nur die Risikoübernahme belohnt wird. Das heißt, wenn ich nun kaufe, gehe ich bewusst das Risiko ein, dass sich die Epidemie verschlimmert und alles den Bach runtergeht. Nur dann kommt es zu Kursgewinnen, wenn die befürchteten Entwicklungen ausbleiben. Wenn ich warte, bis die Erkrankungen vorbei sind, die Wirtschaft wieder wächst, brauche ich auch nicht mehr kaufen, weil dann die Kurse wieder oben sind. Genauso war es bei der Finanzkrise und der Eurokrise. Wer zum Tiefpunkt der Finanzkrise gekauft hat, musste tatsächlich damit rechnen, dass am nächsten Tag die Banken nicht mehr aufmachen und die Aktienkurse ins Bodenlose stürzen. Nur die bewusste Inkaufnahme dieses Risikos verhalf dem Anleger nachher zu sensationellen Gewinnen. Genauso verhielt es sich während der Eurokrise. Das Ende des Euro stand unmittelbar vor der Tür, als Italien über siebeneinhalb Prozent Zinsen für seine Schulden bezahlen musste. Man musste sehenden Auges in das Unglück hinein mit dem Bewusstsein kaufen, dass morgen der Euro zu Ende sein wird und die Aktienkurse kein Halten mehr finden werden. Für diese Risikoübernahme wurde man mit Börsengewinnen belohnt. So ist es nun auch. Ich muss sehenden Auges in dieses große Risiko kaufen, dass sich die Epidemie zu einer Katastrophe auswächst. Es fällt emotional schwer, sich gegen eine Panik zu stellen, das wird aber in der Regel mit Kursgewinnen belohnt. Wir werden deshalb morgen wieder etwas kaufen.

Für Neueinsteiger

Wir haben die Rubrik für Neueinsteiger bei der Kurzfristanalyse eingeführt, da immer wieder neue Leser hinzukommen, die fragen, ob sie gleich das Musterdepot nachbauen sollen, so wie es ist, oder nach und nach kaufen sollen. Deshalb werde ich jede Woche versuchen zu beurteilen, ob es sich gerade um einen günstigen oder einen weniger günstigen Zeitpunkt handelt, einzusteigen. In der letzten Woche habe ich davon abgeraten, neu einzusteigen, aber heute, das heißt, morgen (denn unsere Transaktionen fürs Musterdepot führen wir immer dienstags durch, damit Sie genügend Zeit haben) wollen wir unser Depot etwas aufstocken. Für Neueinsteiger sollte es auch eine günstige Gelegenheit sein, schon mal einen kleinen Teil des Musterdepots nachzubilden. Für diese noch einmal der Hinweis, dass wir in diesem Brief drei Strategien verfolgen. Unsere Grund- und Langfrist- Strategie ist das Musterdepot, das sich im Wesentlichen nach fundamentalen Einflussfaktoren wie Dollar, Zins, Inflation und Ölpreis richtet und den Börsenindikator zurate zieht. Für kurzfristige Änderungen im Depot oder eine kurzfristige Reduzierung des Aktienanteils für einen später günstigeren Neueinstieg wie jetzt in unserem letzten Fall ziehen wir die Kurzfriststrategie hinzu. Ich wurde gefragt, ob wir diese nicht als eigene Strategie fahren könnten und ein etwas spekulativeres Depot eröffnen, indem wir zum Beispiel mit einem Hebelzertifikat auf die kurzfristigen Schwankungen setzen. Da sind wir noch nicht ganz zum Schluss gekommen, weil die Durchführung etwas schwierig ist. Sie bekommen den Brief ja nur einmal die Woche und diese kurzfristigen Signale treten innerhalb der Woche auf. Wir wollen die Strategie eine Weile beobachten und sehen, wie treffsicher diese Analysen sind. So können Sie sich selbst ein Bild davon machen, was die Kurzfriststrategie zu leisten vermag. Unabhängig von diesen beiden Strategien, Kurzfriststrategie und Musterdepot, die wir im Moment gemeinsam bei der Gestaltung unseres Musterdepots anwenden, verfolgen wir noch die 16-Wochen-Strategie. Mehr dazu finden Sie im entsprechenden Artikel.

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