06/11/2019

Eine frohe Botschaft (Kolumne)

Der Anleger will ja durch seine Investition Kaufkraft gewinnen und nicht verlieren. Warum rentiert dann eine Anleihe heute mit minus 0,3 Prozent, wo doch die Inflationsrate ein Prozent beträgt? Irrt sich der Anleihemarkt? Unwahrscheinlich. Weltweit tendieren die Anleiherenditen gegen null. 80 Billionen Dollar und Euro können sich über einen so langen Zeitraum nicht irren. Dann muss mit der Berechnung der für die Anleiherendite maßgeblichen Inflationsrate etwas nicht stimmen. Den internationalen Investor interessieren nicht die Mietsteigerungen in Schwabing. Er kauft seine Brötchen auch nicht bei unserem Bäcker, der steigende Ladenmieten und Gehälter der Fachverkäuferinnen bezahlen muss. Im Weltmaßstab gehen die Preise seit Langem zurück. Der Weizen für die Brötchen ist heute billiger als vor 40 Jahren. Aber auch bei uns gibt es vieles, das dauernd preiswerter wird. Mein erstes Rückflugticket von Düsseldorf nach New York 1971 kostete 3.300 D-Mark. Fliegen ist heute billiger. Ein Kasten Stern Pils kostet heute 5,99 Euro in meinem Getränkemarkt. Vor 40 Jahren gab es ihn für 13,99 DM. Wenn man nun noch die Qualitätsverbesserung hinzurechnet, kommt man zu dem Schluss, dass die Kaufkraft laufend steigt und nicht fällt. Als ich 18 war, kostete ein Mercedes 200 20.000 D-Mark, ohne ABS, Airbags, elektronische Traktion, Fensterheber, Klimaanlage, Katalysator usw. Dieses damalige Auto würde sich heute für wenige 1.000 Euro bauen lassen. Autos sind umso vieles besser, verbrauchsärmer – wer ist nicht schon mal einen Käfer 1302 S gefahren, der sich über 20 l auf 100 km reingezogen hat – und haltbarer geworden, dass sie gemessen an dem, was man heute bekommt, gegenüber einem Auto von vor 40 Jahren billiger sind. In einem zehn Jahre alten Auto ist laut US-Statistik die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall ums Leben zu kommen, doppelt so hoch wie in einem zwei Jahre alten Auto. Vor 40 Jahren starb man in Autos mehr als zehnmal so häufig. Was ist das eigene Leben wert? Eine Million? Zwei Millionen? Wenn ich meine eigene Überlebenswahrscheinlichkeit quantifiziere und hinzurechne, sind Autos heute sogar wesentlich billiger als damals. Von Fernsehern, Computern, Smartphones, Speichermedien, funkgesteuerten Spielzeugautos, Schachcomputern usw. will ich gar nicht erst anfangen. Wenn ich meine Mediennutzung von heute, von Telefongesprächen über Informationen im Internet, Filmen oder Zugriff auf Musik-Streams mit den Preisen dafür vor 35 Jahren zusammenrechnen würde, kämen Tausende Euro im Monat zusammen. Das versucht uns der Anleihemarkt die ganze Zeit zu sagen: Geld wird mehr wert. Mit Geld, das ich in zehn Jahren haben werde, werde ich Medikamente kaufen können, die Krankheiten besiegen werden, an denen ich heute noch sterben würde. Ich werde Autos kaufen können, in denen das Risiko, zu Tode zu kommen, noch wesentlich kleiner sein wird und Smartphones, die die Dinge können, die ich mir heute noch nicht vorstellen kann. Für das gleiche Geld werde ich in zehn Jahren mehr Weizen, mehr Kupfer, mehr Gold, mehr Öl und ja, mehr Lithium und mehr Kobalt als heute kaufen können. Eigentlich eine frohe Botschaft, die uns die Anleihen da mitteilen.

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