29/07/2019

Das Nullzinsumfeld verändert die Börsenlandschaft (Kolumne)

Die Welt scheint sich auf ein dauerhaftes Nullzinsumfeld hinzubewegen. Dies könnte eine neue Betrachtungsweise der Aktienmärkte nach sich ziehen. Der Wert eines Unternehmens ergibt sich theoretisch aus der Summe aller zukünftigen abgezinsten Gewinne. Abgezinst deshalb, weil in der Zukunft zufließende Geldbeträge weniger wert sind als jene, die heute schon vorhanden sind. Die heutigen können sich in der Zwischenzeit verzinsen. So war es jedenfalls früher, als es noch Zinsen gab. Bei einem Zins von null Prozent sind 1.000 Euro, die ich in zehn Jahren bekommen werde, heute schon 1.000 Euro wert. Es war nicht immer so. Wir hatten in Deutschland schon Zinsen in Höhe von zehn Prozent. Bei diesem Zinssatz wären 1.000 Euro in zehn Jahren heute nur 350 Euro wert. 1.000 Euro in 20 Jahren entsprächen dann heute nur 120 Euro und 1.000 in 30 Jahren heute gar nur 42 Euro. Wenn nun ein Unternehmen in den nächsten 30 Jahren jedes Jahr eine Million Euro Gewinn erzielen wird, wären die in der Zukunft zufließenden Beträge bei einem Zinssatz von null Prozent heute 30 Millionen Euro wert und damit das Unternehmen ebenso viel. Bei einem angenommenen Zinssatz von zehn Prozent summieren sich die zukünftigen Gewinne aber nur auf 8,6 Millionen Euro. Dasselbe Unternehmen sollte also bei einem Zins von null Prozent dreieinhalbmal so viel wert sein wie bei einem Zins von zehn Prozent. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass es in absehbarer Zeit – mindestens in den nächsten zehn Jahren – keine höheren Zinsen geben wird, werden zukünftige Gewinne bei der Aktienbewertung eine größere Rolle spielen. Sie können dann direkt auf den theoretischen Wert der Aktie draufgesattelt werden. Das könnte eine Neubewertung der Aktien nach sich ziehen. Ein deutlich höheres Kursniveau sollte die Folge sein. Ferner werden Aktien dann das einzige fungible Anlage-Instrument sein, aus dem sich ein laufender Ertrag ergibt: die Dividende. Auf die Aktienauswahl sollte sich das neue Zinsumfeld ebenfalls auswirken. Besonders bemerkbar sollte sich der fehlende Abzinseffekt bei Unternehmen machen, die in der Zukunft mit stark steigenden Unternehmensgewinnen rechnen können. Diese Aussicht auf höhere Zuflüsse in der Zukunft sollte sich direkt auf den aktuellen Aktienkurs niederschlagen. Dieser Wechsel der Anlagepräferenz lässt sich bereits in den letzten Jahren beobachten. Der Index-Sponsor MSCI berechnet einen Index, der sich aus Aktien zusammensetzt, die unter die Rubrik Wachstum fallen. Ein anderer Index von MSCI verfolgt die Entwicklung von Wertpapieren, die als Value bezeichnet werden, die man also gemessen an ihrem „wahren“ Wert günstig erwerben kann. Die Entwicklungen dieser beiden Aktienkörbe verliefen von 2003 bis 2013 relativ parallel. Seit dem Jahr 2014 aber, etwa dem Beginn des weltweiten Nullzinsumfeldes, konnten die Wachstumsaktien deutlich davonspurten. Legten die Value-Aktien seitdem nur 220 Prozent zu, konnten sich die Wachstumsaktien um 370 Prozent verbessern. Der alte Value-Ansatz, den man früher gelernt hat und für den Warren Buffett steht, funktioniert nicht mehr. Eine Aktie mit einem niedrigen Kurs- Gewinn-Verhältnis und einer hohen Dividendenrendite zu suchen lohnt sich nicht mehr. Die Maßzahl, die heute Sieger von Verlierern trennt, lautet: die Wachstumsrate der Gewinne in der Zukunft.

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